Warum uns als kreativen Personen viel öfter langweilig sein darf
Langeweile. Fadesse. Nichtstun. Das sind Qualitäten, die in unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft beinahe verpönt sind. Passiert es auch dir, dass du dich für Zustände der Langeweile schämst – oder versuchst, dich innerlich dafür zu rechtfertigen? Dann ist dieser Artikel für dich! Denn heute gebe ich dir 3 stichhaltige Gründe, die belegen, dass Langeweile überlebenswichtig ist: und zwar für dein kreatives Selbst…
Ich schreibe diesen Blogartikel in meinen „Weihnachtsferien“ – einer Zeit, die ich mir beruflich freigeschaufelt habe, um tatsächlich gar nichts zu tun: gar nichts, außer auf der Couch liegen, lesen, spazieren gehen, meine neu installierte Küche bewundern, meine Katze streicheln und essen, worauf ich Lust habe. Diese Zeit des Nichtstuns im Winter ist für mich seit einigen Jahren eine wichtige Tradition geworden. Ich freue mich schon wochenlang darauf, zwischen den Jahren keine Termine zu haben – nichts tun zu müssen, nirgendwo sein zu müssen und keine neuen Eindrücke verarbeiten zu müssen. Je älter ich werde, desto wichtiger ist mir diese bewusste Zeit im Winter. Ich brauche sie als Ausgleich zu den Sommermonaten, in denen ich immer viel erlebe, viel unterwegs bin, viel leiste und Neues lerne. Die Weihnachtsferien sind hingegen dafür reserviert, genau das Gegenteil zu tun: Nämlich all das, was im letzten Jahr passiert ist, zu reflektieren – und mich ganz sachte auf ein neues Jahr einzustellen, ohne mich sofort in neue ToDos stürzen zu müssen.
In dieser Zeit sitze ich also zuhause herum, packe mich manchmal dick ein, um in der Kälte spazieren zu gehen, und habe endlich wieder einmal Zeit, meine Gedanken frei zu lassen. Sie ziehen dann hierhin und dorthin – zu Dingen, die ich erlebt habe, Sätzen, die zu mir gesagt wurden, Emotionen, die ich gefühlt habe; aber auch zu kleinen, still aufkeimenden Ideen und Impulsen, die in mir aufsteigen. Ideen für das neue Jahr, Dinge, die ich gerne erleben würde, Projekte, die noch unausgereift daliegen, und mich gedanklich besuchen –
eher als kleine Fetzen, Gefühle und Farben…
Eine dieser Ideen war genau diese: Die Entstehung dieses Blogartikels, der sich bei meinem heutigen Spaziergang im Schnee (oder dem, was wir in den Marchfelder Breiten unter Schnee verstehen – eine millimeterdünne Flockenschicht, die zumindest einen Ansatz von zartem Knirschen unter den Schuhsohlen verspricht) fast von selbst in meine Gedanken „geschoben“ hat. In mir stieg die Frage auf, warum es mir in bestimmten Phasen des Jahres so unendlich guttut, mich völliger Langeweile hinzugeben. Wieso es genau in solchen Zeiten passiert, dass sich neue Ideen in mir formen, neue Impulse aufsteigen, die sich dann völlig ohne Stress und vor allem ohne meine sonst so laute innere Kritikerin umsetzen lassen?
Dieser Frage wollte ich nachgehen, denn ich denke, sie ist für uns alle, die wir uns als kreative und künstlerische Menschen bezeichnen, essenziell:
Wieso fördert Langeweile unsere Kreativität?
Ich hatte bereits einige plausible Gründe dafür im Kopf, wollte mich aber noch umfassender zum Thema informieren und habe in Texten des ungarischen Psychologen und Kreativitätsforschers Mihaly Csikszentmihalyi, der amerikanischen Autorin und Kreativitätscoachin Julia Cameron, des US-amerikanischen Musikproduzenten und Autors Rick Rubin und in einer 2024 durchgeführten Studie zum Thema Langeweile und Kreativität geschmökert (alle Quellen findest du am Ende dieses Artikels).
Dabei bin ich auf teils überraschende, ganz und gar logische und sogar wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse gestoßen, die mich nun dazu ermuntern, noch viel öfter rein gar nichts zu tun – und zwar als 100% lohnende Investition in mein kreatives Selbst. Genau diese Erkenntnisse möchte ich jetzt mit euch teilen.
1. Langeweile entsteht, wenn wir uns der konstanten Reizüberflutung entziehen
In unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft ist unser Alltag meist geprägt von Tätigkeiten, die wir zu erfüllen haben: Wir müssen arbeiten, die Steuer machen, Wäsche waschen, das Badezimmer putzen, die Kinder versorgen, den Einkauf erledigen – und sollten danach noch Energie aufbringen, um unsere Beziehungen zu pflegen, für unsere Partner*innen da zu sein, nahestehende Personen zu besuchen, usw.usf. Fast jeder Alltag ist geprägt von unzähligen ToDos, die wir zu erledigen haben.
Was sich in den letzten Jahrzehnten zusätzlich verändert hat, ist die Art und Weise, wie wir mit der freien Zeit umgehen, die uns zwischen all diesen Tätigkeiten übrigbleibt: Viele von uns (mich eingeschlossen), füllen beinahe jede freie Minute damit, in unser Smartphone zu schauen: ein Instagram-Bildchen hier, ein YouTube-Video da,… und schon ist eine halbe Stunde rum. Anstatt während einer Zugfahrt aus dem Fenster zu schauen, schauen wir in unser Handy. Statt ein Nickerchen auf der Couch zu machen, schauen wir ein Insta-Live – und bald wird jeder freie Moment, den wir hätten, ein zusätzlicher Augenblick, in dem wir unser Gehirn mit neuen Reizen füllen.
Was dabei passiert? Wir versetzen unser gesamtes System in einen permanenten Stesszustand. Wir bekommen nur noch Input, geben uns aber weder die Zeit noch den Raum, all diesen Input zu verarbeiten. Es ist ein wenig, als würden wir ein großes Glas immer weiter und weiter befüllen, solange bis es oben überläuft und wir uns irgendwann ausgebrannt fühlen. In diesem Zustand kreativ sein? Fehlanzeige.
Wenn wir uns hingegen bewusst Zeit erlauben, um überhaupt nichts zu tun – keinerlei Reiz auf uns wirken zu lassen – dann hat unser Gehirn die Chance, all unsere Erfahrungen zu verarbeiten. Unser Körper hat die Möglichkeit, zur Ruhe zukommen. Unser Stresslevel sinkt. Und nach einer gewissen Zeit wechselt unser Gehirn in einen neuen Modus. Einen Modus, der uns erlaubt, neue Gedankenverbindungen herzustellen und neue Ideen zu gebären – quasi aus dem Nichts.
Dieser Modus nennt sich Default Mode Network (zu Deutsch: Ruhezustandsnetzwerk). Das Default Mode Network beschreibt ein Netzwerk im Gehirn, das dann aktiv ist, wenn wir keiner konkreten Aufgabe nachgehen. Typische Funktionen dieses Netzwerks sind beispielsweise:
· Selbstreflexion: Das Nachdenken über sich selbst, die eigene Identität, Gefühle, Entscheidungen, etc.
· Autobiografisches Gedächtnis: Das Erinnern von persönlichen Erlebnissen und Lebensgeschichten.
· · Zukunftsplanung: Beispielsweise mentale Simulationen: „Was wäre wenn…?“, Zukunftsszenarien, Pläne machen, Ideen wälzen…
· Tagträumen & Abschweifen: Die Gedanken wandern lassen, innere Bilder entstehen und wieder gehen lassen.
· Soziale Kognition: Sich in andere hineinversetzen, Empathie, Gedanken über Beziehungen, usw.
Das Default Mode Network wurde Anfang der 2000er Jahre entdeckt und als Begriff in der Neurowissenschaft eingeführt. Für kreative Prozesse ist es essenziell. Denn kreative Ideen entstehen genau dann, wenn wir unser Gehirn nicht aktiv steuern. Wenn wir Gedanken wandern lassen, wenn sich innere Bilder, Erinnerungen und neue Ideen in uns mischen und wir dadurch bestimmte Probleme fast nebenbei und ohne Anstrengung lösen.
2. Langeweile, die während monotoner Tätigkeiten entsteht, begünstigt kreative Geistesblitze
Doch wieso passiert diese kreative Problemlösung häufig genau dann, wenn wir uns überhaupt nicht aktiv mit bestimmten Themen befassen? Mit dieser Frage haben sich unter anderem Rick Rubin, Julia Cameron und Mihaly Csikszentmihalyi beschäftigt. Sie alle haben entdeckt, dass monotone Tätigkeiten wie etwa Spazierengehen, Autofahren, Duschen, Geschirrspülen, Schwimmen, u.Ä. unser Gehirn dabei unterstützen, in das oben beschriebene Default Mode Network zu wechseln.
Kurz gesagt: Wir führen eine Aufgabe aus, die einen Teil unserer Aufmerksamkeit bindet, jedoch keinerlei mentale Anstrengung von uns erfordert, während die dadurch „frei gewordenen“ Teile unseres Gehirns sich mit unangestrengter Innenschau beschäftigen können.
„These types of distractions keep one part of the mind busy while freeing the rest to remain open to whatever comes in”, beschreibt etwa Rick Rubin dieses Phänomen.
Was sich zeigt, ist also: Monotone Tätigkeiten, die Langeweile in uns auslösen, helfen unserem Gehirn dabei, in kreative Prozesse einzutauchen, spontan Probleme zu lösen und neue Ideen zu entwickeln.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass genau solche monotonen Tätigkeiten uns dabei unterstützen, unser Nervensystem zu regulieren und die Ausschüttung von Stresshormonen zu reduzieren. Wir wechseln automatisch in einen entspannteren Zustand, der es wiederum möglich macht, in eine Art kreativen Flow einzutauchen.
3. In Zeiten der Langeweile wird unsere innere Stimme hörbar
Wie wir bereits erfahren haben, hat unser Gehirn erst dann die Möglichkeit, auf innere Bilder, Erkenntnisse, Ideen und Emotionen zuzugreifen und diese zu verarbeiten, wenn wir damit aufhören, es mit äußeren Reizen zu füttern. Erst wenn es rundherum still wird, haben wir die Chance, unsere innere Stimme – und damit unser inneres kreatives Reservoir – anzuzapfen. Die Langeweile erlaubt es unseren Gedanken, ungehindert hin- und herzuwandern, und dadurch kreative Prozesse anzustoßen. Das belegt auch eine 2024 erschienene internationale Studie, die die Wechselwirkung zwischen Langeweile und Kreativität untersucht hat: „Boredom… allows the mind to wander, which can enhance creativity.“
Julia Cameron beschreibt in ihrer Arbeit, dass Kreativität in Räumen der Stille, Leere und Routine entsteht – alles Zustände, die psychologisch mit Langeweile verwandt sind. In solchen Zuständen ist es uns möglich, „die kleine, feine Stimme [zu] hören, die sowohl unserem Schöpfer als auch uns selbst eigen ist.“
Diese Stimme wiederum ist der Ausgangspunkt unserer kreativen Ideen, die häufig ganz unspektakulär und leise in uns auftauchen, wenn wir uns Zeit und Raum geben, hinzuhören. Genau davon ist auch Rick Rubin überzeugt:
„If we focus on what’s going on inside of ourselves – sensations, emotions, the patterns of our thoughts – a wealth of material can be found.”
Du siehst also: Zustände der Langeweile sind alles andere als unproduktiv. Im Gegenteil: Sie sind dringend notwendig für unser kreatives Selbst. Sie sind der Raum, in dem Neues entstehen kann – fernab von Leistungsdruck, Hustle Culture und Weiter-Schneller-Höher-Denken.
Langeweile ist lebenswichtig. Für unseren Geist, unseren Körper, unser Nervensystem und vor allem für unsere Kreativität.
Genau deshalb erlaube ich es mir in den nächsten Tagen weiterhin, nichts zu tun. Nichts von mir zu verlangen. In die Sonne (oder die Wolken) zu schauen, die Wärme meiner Teetasse auf der Haut zu spüren, lange Spaziergänge zu unternehmen und all das zu mir kommen zu lassen, was zu mir kommen möchte.
Was meinst du: Darfst du das auch?
Ich hoffe, dieser Artikel hat dich dazu inspiriert!
Bis ganz bald bei den nächsten Impulsen für ein kreatives Leben
Deine Edith
Quellenangaben:
· Julia Cameron: “Der Weg des Künstlers – Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität“, Knaur.Leben-Verlag, 2019
· Mihaly Csikszentmihalyi: „Flow – Das Geheimnis des Glücks“, Klett-Cotta-Verlag, 15. Auflage, 2010
· Mihaly Csikszentmihalyi: „Flow und Kreativität“, Klett-Cotta-Verlag, 2014
· Rick Rubin: „The Creative Act: A Way of Being”, Canongate Books, 2023
· MDPI-Studie: “Investigation the Relationship Between Boredom and Creativity: The Role of Academic Challenge”, herausgegeben im März 2025, https://www.mdpi.com/2227-7102/15/3/330